Panüler Kopf (2859) Rätikon

Der zweithöchste im Rätikon

Der Rätikon umfasst viele bekannte und gut besuchte Gipfel. Sulzflue, Drusenflue oder die Schesaplana, mit 2968 Metern der höchste Gipfel dieser Gebirgsgruppe, sind jedem Bergsteiger ein Begriff. Auch für Kletterer hat der Rätikon einiges zu bieten, denken wir nur an die berühmten Wände der Kirchlispitzen. Da das Gebirge dann auch noch sehr stark von Hütten und Wanderwegen durchzogen ist, sind Durchquerungen ebenfalls sehr beliebt.

Panueler Kopf

Dementsprechend hoch ist natürlich auch das Besucheraufkommen. Eine Ausnahme bildet hier der Panülerkopf, mit 2859 Metern immerhin zweithöchster Berg der kompletten Gebirgsgruppe, und im direkten Umkreis der Schesaplana gelegen. Sein Name ist unter Wanderern und Bergsteigern, leichten Ersteigungsmöglichkeiten zum Trotz, gleichermaßen unbekannt.

Der Panüler Kopf ist Teil des sog. Panüler Schrofens oder "dem Panüler", wie er im Volksmund genannt wird. Seine Westabstürze stellen die höchste Wandbildung des Rätikon dar, und bilden den Talschluss des Nenzinger Tales. Sie gelten als eines der Wahrzeichen der Stadt Bludens und werden fälschlicherweise oft mit der Schesaplana verwechselt. Ganz falsch ist das allerdings auch wieder nicht, da der Panüler Schrofen zwar ein Teil des Schesaplanastockes, nicht aber dem Berg selbst zugehörig ist.

Das Gebiet bildet die Grenze zwischen Österreich und Graubünden, sodass bei einem Übergang 2 Währungen in der Tasche nicht schaden können. Von Graubünden aus ist der Panüler Kopf nur mit einer absoluten Gewalttour als Tagestour durchzuführen, eine Übernachtung in der Schesaplanahütte ist hier sicherlich sehr zu empfehlen.

Schon 1849 wurde dieser Berg durch B. Neyer erstbestiegen, was für seine leichte Erreichbarkeit spricht. Der Nordgrat ist mit dem 1890 eingeweihten Straussteig "geschmückt" , der ältesten alpinen Steiganlage der Ostalpen. Dieser passt natürlich als Tourenvorschlag überhaupt nicht in das Konzept dieses Führers, und wird deshalb ausser Acht gelassen. Des weiteren werde ich auch nicht näher auf die sicherlich vorhandenem Besteigunsmöglichkeiten von der österreichischen Seite aus eingehen, da dieses Buch sich ja mit Touren in Graubünden befasst. Somit bildet Seewis im Prättigau auch den hier vorgeschlagenen Ausgangspunkt. Wer 10 Franken übrig hat kann sich bei der Stadtverwaltung Seewis eine Fahrbewilligung bis Cani (1250 m) holen, und so 300 Höhenmeter und einiges an Wegstrecke einsparen. Bei Hüttenübernachtung ist das nicht erforderlich, da die Bewilligung dann für zwei Tage gelöst werden müsste. Zudem befindet sich der Weg in extrem schlechtem Zustand und ist auch sehr unbequem zu befahren. Die Tagestour würde allerdings auf machbare 1700 Höhenmeter zusammenschrumpfen. Übrigens muss man sich nicht an die vorgegebenen Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung halten, die Tür steht immer offen und direkt am Eingang Links befindet sich ein Regal, wo die Bewilligungen ausgelegt werden. Die zehn Franken werden einfach in das beiliegende Kuvert gesteckt und in den Postkasten an der Eingangstür eingeworfen. So viel Vertrauen besitzen die Schweizer immer noch in die Loyalität ihrer Feriengäste.

Der Wegverlauf

Die Hüttensiedlung von Alt Säss wäre der näher gelegene Ausgangspunkt und ließe mit einer Höhe von 1285 Metern eventuell gerade noch eine Tagestour zu. Dieser Ort ist aber leider mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen, und mit dem Auto nur gegen Gebühr über einen holprigen Fahrweg. Ein generelles Fahrverbot ist hier seit einiger Zeit im Gespräch, die Versuche der Gemeinde Seewis scheiterten jedoch bisher an höherem Bundesrecht und tiefsitzenden Gewohnheitsrechten. Dabei ist die Schesaplanahütte auch vom direkt vor dem gebührenpflichtigen Streckenabschnitt befindlichen Parkplatz kurz hinter dem Ortsausgang von Seewis in gut 3 Stunden zu erreichen. Er führt 5 Kilometer am Taschinabach entlang, ehe er sich nach rechts windet und in Serpentinen, und nun steiler, gut beschildert zur Schesaplanahütte ( 1908 m ) führt.

Von der Hütte aus folgt man am nächsten Tag dem "Schweizer Weg" in Richtung Schesaplana, welcher zunächst mit einem begrünten Rücken beginnt. Bei 2200 Metern wird dann in den sog. Alpstein eingestiegen, der massigen Südflanke des Schesaplanastockes, einen gewaltigen, die gesamte Wand durchdringenden Felstobel. Weiter geht es nun dem geschickt alle natürlichen Bänderungen ausnutzenden und gut markierten Steig folgend im Zickzack und mit atemberaubenden Tiefblicken empor zum sog. schwarzen Gang. Dabei sind Schutt, und meistens auch Schneereste ständige ungeliebte Begleiter, welche den ohnehin schon steilen und beschwerlichen Steig in einen wahren Schinder verwandeln. Den schwarzen Gang bildet ein dunkles, breites Schuttband, das in einem langen Quergang nach Osten bequem aus der Wand hinaus leitet. Der Schesaplanasattel in 2730 Metern Höhe ist nun erreicht. Uns endlich vom Großteil der Schesaplanaaspiranten lösend wählen wir nun den linken Wegabschnitt geradewegs auf den harmlosen Brandner Gletscher, der Ausschilderung zur Mannheimer Hütte folgend. Vorher müssen aber noch rund 100 Höhenmeter Gegenan-und abstieg bewältigt werden um auf diesen zu gelangen. Dieser normalerweise immer ausgetretene und völlig gefahrlos begehbare Gletscherspur folgt man fast ohne Höhenverlust bis ca. 500 Meter vor die Hütte, wobei zur Linken die unschwierige Ostseite des Panüler Kopfes sichtbar wird. An beliebiger Stelle kann man nun westwärts über Firn und später über plattige Schrofen von überall her unschwierig zum Plateaurand gelangen und von dort ebenfalls problemlos, nur etwas steiler, an beliebiger Stelle durch die kurze Ostflanke den Gipfel erreichen. Direkt am Grat befindet sich eine weiß-blau-weiß markierte Spur, welche den bequemsten Gipfelanstieg darstellt.

Interessant sind vor allem die Tiefblicke nach Bludens und natürlich die Sicht auf die Königin des Rätikons, die Schesaplana. Aus völlig ungewohnter Perspektive zeigt sich das Bündnerland, aber keine Angst alle Berge stehen noch auf ihren angestammten Plätzen. Dank einiger "Wegweiser" wie Piz Ela, Piz Kesch oder Linard ist die Orientierung schnell wieder hergestellt. Majestätisch erhebt sich der Calanda über das mehr als 2000 Meter tiefer gelegene Rheintal. Der Abstieg kann nun entweder auf der gleichen Route durchgeführt, oder zur Mannheimer Hütte fortgesetzt werden. Von dort aus bietet sich der Abstieg nach Brand über den Leibersteig an (Ausgeschildert).

Diejenigen, welche es etwas ausgesetzter mögen, können sich hinter der Schesaplanahütte links halten und den direkten Aufstieg zur Mannheimer Hütte benutzen. Dabei geht es zunächst über Rasenhänge nur mäßig steil bergan, bevor dann nach einigen 100 Metern nach rechts ein blau-weiß markierter Steig abgeht, welcher direkt auf die Steilabbrüche des Panülerstockes zuführt. Schnell ist die Wand erreicht, Spuren, Stufen, und hier nicht unbedingt nötige Ketten, erleichtern uns den Durchstieg. Trotzdem kann uns dann und wann mal die ein oder andere Einserstelle zwischen die Finger kommen, bevor der Steig dann wieder in Schutt und Schrofenhänge übergeht, immer die imposante Kulisse der Wandflucht vor Augen. Steile aber aussichtsreiche Serpentinen überwinden einen Schutthang und leiten zum ersten Mal auf den Grat. Wer jetzt alle Schwierigkeiten hinter sich wähnt, sieht sich getäuscht. Ein sehr ausgesetzter Quergang führt nach rechts direkt durch die Steilflanke, hier beschwere auch ich mich nicht über überflüssige Drahtseile. Eine Viertelstunde später ist es dann ausgestanden und bei 2713 Metern das Schafloch erreicht. Recht vor uns liegt nun der Gletscher, sodass wir auf den beschriebenen Weiterweg einmünden können.

Talorte/Ausgangspunkte: Seewis (947 m) ; Brand (Österreich, 1037 m)

Höhenunterschiede: Seewis-Schesaplanahütte: kanpp 1000 Hm. ; Schesaplanahütte-Panüler Kopf: 950 Hm. , Brand-Panüler Kopf: 1820 Hm. ; Cani-Panülerkopf: 1600 Hm.

Zeiten: Seewis-Schesaplanahütte: 3 Std. Abstieg: 2,5 Std. ; Schesaplanahütte-Panüler Kopf: 3 Std. Abstieg 2 Std.

Schwierigkeiten: Unschwierig, Trittsicherheit nötig, problemlose Gletschertraversierung

Stützpunkte: Schesaplanahütte (1908 m), Mannheimer Hütte (2637 m)

Übernachtungsmöglichkeiten im Ort: keine

ÖPNV-Anbindung: Seewis ist von Pradisla oder Landquard mit dem Postbus zu erreichen, beide werden stündlich von Chur aus mit der Bahn bedient.